In der Ausgabe 7/2026 des Schützenbruders beschrieb Horst Thoren bereits, wie sich die Bedingungen für unsere Schützenfeste durch den Klimawandel verändern. Dass dieser Wandel stattfindet, lässt sich für vernünftig denkende Menschen wohl kaum noch wegdiskutieren. Beim Schützenfest der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Lintorf am dritten Augustwochenende konnten wir selbst erleben, was das ganz praktisch bedeutet. Uns hat es nämlich kalt erwischt – oder besser gesagt: Die Hitze hatte uns fest im Griff.
Kein Feuerwerk – Sicherheit geht vor
Wochenlang hatte es vor unserem Schützenfest kaum geregnet. Die Wiesen und Gräser rund um den Festplatz waren entsprechend ausgetrocknet. Gemeinsam mit unserem Pyrotechniker mussten wir deshalb die Frage beantworten, ob das traditionelle Höhenfeuerwerk unter diesen Bedingungen überhaupt verantwortbar war. Im Vorfeld führten wir dazu gute und sachliche Gespräche mit der Feuerwehr. Eine Aussage brachte das Problem auf den Punkt: „Wir können den Boden durchnässen, aber die 80 Zentimeter hohen vertrockneten Gräser bleiben trocken.“ Damit war klar: Selbst umfangreiche Vorbereitungen hätten das Risiko nicht vollständig beseitigen können. Gemeinsam mit dem Pyrotechniker entschieden wir uns deshalb schweren Herzens, das diesjährige Höhenfeuerwerk abzusagen. Eine solche Entscheidung trifft man nicht leichtfertig. Das Feuerwerk gehört für viele Besucher seit Jahren zum Schützenfest dazu. Umso gespannter waren wir darauf, wie die Öffentlichkeit und natürlich auch unsere eigenen Schützen reagieren würden.
Die Antwort hat uns beeindruckt. Allein auf der Facebook-Seite unserer Bruderschaft erreichte die Mitteilung über die Absage innerhalb von nur 48 Stunden rund 50.000 Aufrufe. Weitere etwa 15.000 Aufrufe kamen auf Seiten hinzu, auf denen unser Beitrag geteilt wurde.
Noch bemerkenswerter als diese Zahlen war jedoch die Reaktion der Menschen. Zustimmung, Verständnis und zahlreiche positive Kommentare bestimmten das Bild. Auch aus den Reihen unserer Schützen gab es keine Kritik an der Absage des traditionellen Feuerwerks. Das hat uns gezeigt: Sicherheit und Verantwortungsbewusstsein sind wichtiger als das Festhalten an einer Tradition um jeden Preis.
96 statt 650 Eintrittskarten
Doch das Feuerwerk sollte nicht die einzige Herausforderung bleiben, vor die uns die außergewöhnliche Hitze stellte. Am Freitagabend stand unsere Zeltparty auf dem Programm. In den vergangenen Jahren war sie gut besucht gewesen: 2024 hatten wir noch ca. 650 Eintrittskarten verkauft, im vergangenen Jahr waren es etwa 450. Diesmal waren es gerade einmal 96 Karten. Der Grund dafür wurde beim Blick auf den Festplatz schnell deutlich. Das Zelt war nahezu leer. Die Besucher standen draußen auf der Terrasse. Bei den hohen Temperaturen wollte schlicht niemand in das aufgeheizte Festzelt gehen.
Drinnen bereiteten lediglich die Band sowie die Ton- und Lichttechniker ihren Auftritt vor. Damit standen wir vor der nächsten Entscheidung: Sollte die Band tatsächlich in einem fast leeren Zelt spielen, während die Gäste draußen auf der Terrasse standen?
Aus der Zeltparty wird eine Terrassenparty
Wir sprachen mit den Musikern – und fanden schnell eine Lösung: Dann kommt die Musik eben zu den Menschen. Die Band erklärte sich bereit, ihren kompletten Auftritt kurzfristig auf die Terrasse zu verlegen. Was anschließend geschah, war für uns eines der schönsten Beispiele dafür, was Gemeinschaft ausmacht. Band, Zeltwirt und Schützen packten gemeinsam an. Selbst Besucher halfen spontan mit. Unter fachmännischer Anleitung wurden Technik und Equipment umgebaut und alles für einen Auftritt unter freiem Himmel vorbereitet. Aus der geplanten Zeltparty wurde kurzerhand eine kostenlose Terrassenparty. Und aus einem zunächst enttäuschenden Abend wurde ein ganz besonderer. Die Stimmung auf der Terrasse war gigantisch. Die sechs Musiker waren ebenso begeistert wie die Besucher – schließlich spielten sie nun nicht vor einem leeren Zelt, sondern mitten in einer ausgelassen feiernde Menge. Wie gut ihnen dieser ungewöhnliche Abend selbst gefallen hatte, zeigten sie am Ende eindrucksvoll: Die Band bedankte sich mit gleich drei Zugaben. Die letzte davon entwickelte sich zu einem rund zwanzigminütigen Rockfinale.
Tradition bedeutet auch, sich verändern zu können
Unser Schützenfest hat uns damit gleich zweimal gezeigt, welche Auswirkungen veränderte Wetterbedingungen inzwischen auf Veranstaltungen wie unsere haben können. Ein traditionelles Höhenfeuerwerk musste wegen der Trockenheit abgesagt werden. Eine Zeltparty funktionierte aufgrund der Hitze nicht mehr so, wie sie über Jahre funktioniert hatte. Doch wir haben an diesem Wochenende noch etwas anderes erlebt: Tradition und Veränderung müssen keine Gegensätze sein. Manchmal bedeutet es Verantwortung, auf etwas Liebgewonnenes zu verzichten. Und manchmal entsteht gerade aus der Bereitschaft, innerhalb weniger Minuten einen langen vorbereiteten Plan über den Haufen zu werfen, etwas völlig Neues und Besonderes. Das Feuerwerk fiel aus – und die Menschen hatten Verständnis. Das Zelt blieb leer – und draußen entstand eine Party, an die sich viele vermutlich noch lange erinnern werden. Vielleicht ist genau das eine der Aufgaben, vor denen unsere Schützenfeste in Zukunft stehen werden: Traditionen bewahren, ohne unbeweglich zu werden. Verantwortung übernehmen, wenn die Bedingungen es verlangen. Und gemeinsam neue Lösungen finden, wenn das Wetter unsere alten Pläne durchkreuzt.
Denn eines hat dieses Schützenfest trotz Hitze, Trockenheit und mancher kurzfristigen Planänderung eindrucksvoll bewiesen: Feiern können wir auch unter veränderten Bedingungen – wenn alle gemeinsam anpacken. Und zum Schluss: „Insgesamt hatten wir ein fantastisches Schützenfest in Lintorf!“

