Wenn die Hitze das Schützenfest verändert – ein Erfahrungsbericht von der Basis

Montag, 31. August 2026

Berichts-Kategorie: Bruderschaften

Bruderschaft: Bruderschaft Lintorf

eingesendet von: Andreas Kellersmann

In der Aus­ga­be 7/2026 des Schüt­zen­bru­ders beschrieb Horst Tho­ren bereits, wie sich die Bedin­gun­gen für unse­re Schüt­zen­fes­te durch den Kli­ma­wan­del ver­än­dern. Dass die­ser Wan­del statt­fin­det, lässt sich für ver­nünf­tig den­ken­de Men­schen wohl kaum noch weg­dis­ku­tie­ren. Beim Schüt­zen­fest der St. Sebas­tia­nus Schüt­zen­bru­der­schaft Lin­torf am drit­ten August­wo­chen­en­de konn­ten wir selbst erle­ben, was das ganz prak­tisch bedeu­tet. Uns hat es näm­lich kalt erwischt – oder bes­ser gesagt: Die Hit­ze hat­te uns fest im Griff. 

Kein Feu­er­werk – Sicher­heit geht vor

Wochen­lang hat­te es vor unse­rem Schüt­zen­fest kaum gereg­net. Die Wie­sen und Grä­ser rund um den Fest­platz waren ent­spre­chend aus­ge­trock­net. Gemein­sam mit unse­rem Pyro­tech­ni­ker muss­ten wir des­halb die Fra­ge beant­wor­ten, ob das tra­di­tio­nel­le Höhen­feu­er­werk unter die­sen Bedin­gun­gen über­haupt ver­ant­wort­bar war. Im Vor­feld führ­ten wir dazu gute und sach­li­che Gesprä­che mit der Feu­er­wehr. Eine Aus­sa­ge brach­te das Pro­blem auf den Punkt: „Wir kön­nen den Boden durch­näs­sen, aber die 80 Zen­ti­me­ter hohen ver­trock­ne­ten Grä­ser blei­ben tro­cken.“ Damit war klar: Selbst umfang­rei­che Vor­be­rei­tun­gen hät­ten das Risi­ko nicht voll­stän­dig besei­ti­gen kön­nen. Gemein­sam mit dem Pyro­tech­ni­ker ent­schie­den wir uns des­halb schwe­ren Her­zens, das dies­jäh­ri­ge Höhen­feu­er­werk abzu­sa­gen. Eine sol­che Ent­schei­dung trifft man nicht leicht­fer­tig. Das Feu­er­werk gehört für vie­le Besu­cher seit Jah­ren zum Schüt­zen­fest dazu. Umso gespann­ter waren wir dar­auf, wie die Öffent­lich­keit und natür­lich auch unse­re eige­nen Schüt­zen reagie­ren würden.

Die Ant­wort hat uns beein­druckt. Allein auf der Face­book-Sei­te unse­rer Bru­der­schaft erreich­te die Mit­tei­lung über die Absa­ge inner­halb von nur 48 Stun­den rund 50.000 Auf­ru­fe. Wei­te­re etwa 15.000 Auf­ru­fe kamen auf Sei­ten hin­zu, auf denen unser Bei­trag geteilt wurde.

Noch bemer­kens­wer­ter als die­se Zah­len war jedoch die Reak­ti­on der Men­schen. Zustim­mung, Ver­ständ­nis und zahl­rei­che posi­ti­ve Kom­men­ta­re bestimm­ten das Bild. Auch aus den Rei­hen unse­rer Schüt­zen gab es kei­ne Kri­tik an der Absa­ge des tra­di­tio­nel­len Feu­er­werks. Das hat uns gezeigt: Sicher­heit und Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein sind wich­ti­ger als das Fest­hal­ten an einer Tra­di­ti­on um jeden Preis.

 96 statt 650 Eintrittskarten

Doch das Feu­er­werk soll­te nicht die ein­zi­ge Her­aus­for­de­rung blei­ben, vor die uns die außer­ge­wöhn­li­che Hit­ze stell­te. Am Frei­tag­abend stand unse­re Zelt­par­ty auf dem Pro­gramm. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren war sie gut besucht gewe­sen: 2024 hat­ten wir noch ca. 650 Ein­tritts­kar­ten ver­kauft, im ver­gan­ge­nen Jahr waren es etwa 450. Dies­mal waren es gera­de ein­mal 96 Kar­ten. Der Grund dafür wur­de beim Blick auf den Fest­platz schnell deut­lich. Das Zelt war nahe­zu leer. Die Besu­cher stan­den drau­ßen auf der Ter­ras­se. Bei den hohen Tem­pe­ra­tu­ren woll­te schlicht nie­mand in das auf­ge­heiz­te Fest­zelt gehen.

Drin­nen berei­te­ten ledig­lich die Band sowie die Ton- und Licht­tech­ni­ker ihren Auf­tritt vor. Damit stan­den wir vor der nächs­ten Ent­schei­dung: Soll­te die Band tat­säch­lich in einem fast lee­ren Zelt spie­len, wäh­rend die Gäs­te drau­ßen auf der Ter­ras­se standen? 

Aus der Zelt­par­ty wird eine Terrassenparty

Wir spra­chen mit den Musi­kern – und fan­den schnell eine Lösung: Dann kommt die Musik eben zu den Men­schen. Die Band erklär­te sich bereit, ihren kom­plet­ten Auf­tritt kurz­fris­tig auf die Ter­ras­se zu ver­le­gen. Was anschlie­ßend geschah, war für uns eines der schöns­ten Bei­spie­le dafür, was Gemein­schaft aus­macht. Band, Zelt­wirt und Schüt­zen pack­ten gemein­sam an. Selbst Besu­cher hal­fen spon­tan mit. Unter fach­män­ni­scher Anlei­tung wur­den Tech­nik und Equip­ment umge­baut und alles für einen Auf­tritt unter frei­em Him­mel vor­be­rei­tet. Aus der geplan­ten Zelt­par­ty wur­de kur­zer­hand eine kos­ten­lo­se Ter­ras­sen­par­ty. Und aus einem zunächst ent­täu­schen­den Abend wur­de ein ganz beson­de­rer. Die Stim­mung auf der Ter­ras­se war gigan­tisch. Die sechs Musi­ker waren eben­so begeis­tert wie die Besu­cher – schließ­lich spiel­ten sie nun nicht vor einem lee­ren Zelt, son­dern mit­ten in einer aus­ge­las­sen fei­ern­de Men­ge. Wie gut ihnen die­ser unge­wöhn­li­che Abend selbst gefal­len hat­te, zeig­ten sie am Ende ein­drucks­voll: Die Band bedank­te sich mit gleich drei Zuga­ben. Die letz­te davon ent­wi­ckel­te sich zu einem rund zwan­zig­mi­nü­ti­gen Rockfinale.

Tra­di­ti­on bedeu­tet auch, sich ver­än­dern zu können

Unser Schüt­zen­fest hat uns damit gleich zwei­mal gezeigt, wel­che Aus­wir­kun­gen ver­än­der­te Wet­ter­be­din­gun­gen inzwi­schen auf Ver­an­stal­tun­gen wie unse­re haben kön­nen. Ein tra­di­tio­nel­les Höhen­feu­er­werk muss­te wegen der Tro­cken­heit abge­sagt wer­den. Eine Zelt­par­ty funk­tio­nier­te auf­grund der Hit­ze nicht mehr so, wie sie über Jah­re funk­tio­niert hat­te. Doch wir haben an die­sem Wochen­en­de noch etwas ande­res erlebt: Tra­di­ti­on und Ver­än­de­rung müs­sen kei­ne Gegen­sät­ze sein. Manch­mal bedeu­tet es Ver­ant­wor­tung, auf etwas Lieb­ge­won­ne­nes zu ver­zich­ten. Und manch­mal ent­steht gera­de aus der Bereit­schaft, inner­halb weni­ger Minu­ten einen lan­gen vor­be­rei­te­ten Plan über den Hau­fen zu wer­fen, etwas völ­lig Neu­es und Beson­de­res. Das Feu­er­werk fiel aus – und die Men­schen hat­ten Ver­ständ­nis. Das Zelt blieb leer – und drau­ßen ent­stand eine Par­ty, an die sich vie­le ver­mut­lich noch lan­ge erin­nern wer­den. Viel­leicht ist genau das eine der Auf­ga­ben, vor denen unse­re Schüt­zen­fes­te in Zukunft ste­hen wer­den: Tra­di­tio­nen bewah­ren, ohne unbe­weg­lich zu wer­den. Ver­ant­wor­tung über­neh­men, wenn die Bedin­gun­gen es ver­lan­gen. Und gemein­sam neue Lösun­gen fin­den, wenn das Wet­ter unse­re alten Plä­ne durchkreuzt.

Denn eines hat die­ses Schüt­zen­fest trotz Hit­ze, Tro­cken­heit und man­cher kurz­fris­ti­gen Plan­än­de­rung ein­drucks­voll bewie­sen: Fei­ern kön­nen wir auch unter ver­än­der­ten Bedin­gun­gen – wenn alle gemein­sam anpa­cken. Und zum Schluss: „Ins­ge­samt hat­ten wir ein fan­tas­ti­sches Schüt­zen­fest in Lintorf!“